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Die Kurzgeschichte

Der Name ist eine Lehnübersetzung aus dem Amerikanischen für short story (=kurze realistische Prosaerzählung, die sich im 19.Jh. in literarischen Zeitschriften entwickelte).

Von den sehr eigenwilligen und herausragenden Bespielen im Erzählwerk Franz Kafkas abgesehen, setzte sich die deutsche Kurzgeschichte als eigene Form erst nach 1945 durch: Sie begann als "Trümmerliteratur" in der thematischen Darstellung des Zweiten Weltkriegs (z.B. bei Wolfgang Borchert und Heinrich Böll) und setzte sich dann fort in der kritischen Auseinandersetzung mit der bundesrepublikanischen "Wohlstandsgesellschaft" und der Gestaltung moderner Wirklichkeitserfahrung bis zu deren grotesken, ja absurden Verfremdung (z.B. bei E. Langgässer, G. Weisenborn, M. L. Kaschnitz, I. Aichinger, G. Eich, W. Heildesheimer, P. Bichsel).

Die deutsche Kurzgeschichte entwickelte sich aus anderen Formen der Kurzprosa sowie aus Novelle und Skizze. Sie lässt sich durch eine Reihe von Merkmalen kennzeichnen, die jedoch im einzelnen Text immer alle vorhanden sind:
  • Der geringe Umfang entspricht dem Verzicht auf breit angelegte und ausmahlende Erzählweise.
  • Wie eine Momentaufnahme gibt die Kurzgeschichte nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit, meist des modernen Alltagslebens mit mittelmäßigen Menschen oder auch gesellschaftlichen Außenseitern.
  • Dem Ausschnittscharakter entspricht meist die offene Form mit unvermitteltem Einsatz und abrupten Abbruch, wodurch da Kombinationsvermögen und die Diskussionsbereitschaft des Lesers besonders herausgefordert sind.
  • Die Konzentration auf einen bedeutsamen Augenblick des Alltags erlaubt eine sehr dichte, vielschichtige und oft mehrdeutige Darstellung, die aus ermüdender Monotonie oft zu menschlichen Grenzsituationen mit unerwarteten Wendungen, überraschenden Pointen und Vielfältigen Verweisen auf Hintergründe und Lebenszusammenhänge führt.
  • Moderne Erzähltechniken mit assoziativer Komposition und Montage, mit Einblendung und Perspektivenwechsel sowie mit einer knappen, oft schmucklosen und kühl-distanzierten Sprache, in die Elemente des Dialekts und Jargons eingefügt sein können, entsprechen sowohl dem Erzählgegenstand - der meist als heterogen und brüchig gesehenen Wirklichkeit - als auch der Erzählabsicht, den Leser herauszufordern und zu aktivieren.
 
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